Schon mal an Ausland gedacht?

france   Bericht über ein Praktikum im elsässischen Colmar
von Cyril Hinz


Seit 23 Jahren unterhält unsere Schule partnerschaftliche Beziehungen zum Lycée du Pflixbourg, einer Agrarschule im elsässischen Wintzenheim. Wechselseitige Betreuungen von Praktikanten gibt es seit 13 Jahren. Die Peter-Lenné-Schule bietet jährlich 12 Plätze für ein Auslandspraktikum in Frankreich an; weitere Praktikanten können an Partnerschulen in Finnland, Schweden und in die Tschechische Republik vermittelt werden. Das Mobilitätsprojekt wird durch Fördergelder der EU im Rahmen des Berufsbildungsprogramms ‚Leonardo da Vinci’ finanziert.

Cyril Hinz, damals Auszubildender im Gartenbau in der Fachrichtung Zierpflanzenbau, hat im Oktober 2009 diese Chance genutzt und im Elsaß ein Praktikum absolviert. Er konnte anschließend über einen „großartigen Monat” berichten...

 

Liebe Leserinnen und Leser,

  Colmar-Alsace
  Die Altstadt von Colmar
   
  colmar9
   
  colmar11
   

Ich möchte Ihnen die Erfahrungen meines Auslandspraktikums näher bringen und den einen oder anderen Auszubildenden dazu motivieren. Ich bin Zierpflanzengärtner-Azubi und war diesen Herbst einen Monat in Frankreich, in Colmar. Diese Stadt liegt im Rheintal und bietet im Gegensatz zu Berlin eine wunderschöne Kulisse mit Mittelgebirgen und Weinbergen. Ich habe dort in einem privaten Gartenbaubetrieb, Fleurs Lisch Sarl, gearbeitet. Mein Aufgabenbereich lag darin, alle anfallenden saisonalen Arbeiten zu erledigen. Dabei konnte ich einen Einblick in das dortige Pflanzensortiment erhalten und Erfahrungen über die Kulturführung sammeln.

Der Schwerpunkt lag in diesem Zeitpunkt unter anderem bei den Stiefmütterchen (Viola x wittrockiana). Im Gegensatz zu Deutschland liegt der Verkaufsschwerpunkt nicht im Frühling, sondern im Herbst. Es waren rund 160.000 Exemplare, die gepackt und ausgeliefert werden mussten. Die Schwierigkeit lag jedoch darin, in dieser feuchten Jahreszeit ein Botrytisbefall auf den empfindlichen Blüten mit einer optimal angepassten Kulturführung zu verhindern.

Genau wie in Deutschland ist auch in Frankreich im Oktober Hochsaison für Topfchrysanthemen. Sie wurden dort im Freiland produziert und mussten nun aufgrund ihres Reifegrades und der nahenden Frostgefahr sortenweise zum anstehenden Weiterverkauf in die Gewächshäuser geräumt werden. Die meisten kamen in ein Venlo-Gewächshaus, wo sie innerhalb der nächsten Wochen je nach Bestellung gepackt wurden. Die schönsten Exemplare präsentierten wir zum Direktverkauf im Ladenbereich. Das Sortiment umfasste ca. 16.000 Exemplare und reichte von pompon- und spinnenblütigen Dekos in Schalen bis zu kleinblumigen Mehrtriebern in Töpfen und Balkonkästen.

Als dritte Schwerpunktkultur ist die Pelargonie zu nennen. Das Ziel des Betriebes liegt darin, Ende April ein verkaufsfertiges Sortiment von 236.000 Exemplaren zu besitzen. Es wurden Ende Juli Stecklinge zugekauft und nach dem Anwachsen folgt ein ca. monatliches Stutzen mit Verwendung  des abgeschnittenen Materials zur weiteren vegetativen Vermehrung. Die bewurzelten Stecklinge stehen monatelang Topf an Topf und die Kulturtemperatur wird teilweise bis auf 5°C abgesenkt. Diese Maßnahme spart Energie und fördert einen gedrungenen Wuchs.

Um in diesem Betrieb rentabel produzieren zu können, werden einige Maschinen wie zum Beispiel eine kleine und eine große Topfmaschine, die sogar 10 Einzeltöpfe in eine Palette packt, verwendet. Für größere Aussaaten findet eine Einzelkornaussaatmaschine Verwendung,  um den Einsatz von Arbeitskräften und Arbeitszeit zu sparen. Um weitere Kosten zu verringern, wird eine Nebelmaschine eingesetzt. Dies ist jedoch nur möglich, wenn eine Kultur das ganze Gewächshaus ausfüllt und nur mit einer Schädlingssorte befallen ist. Das ist nur ein Teil der technischen Geräte, die ich kennengelernt habe, da sie in meinem Ausbildungsbetreib nicht verwendet werden. Die äußerst netten französischen Kollegen nahmen sich gerne die Zeit, mir diese Maschinen und ihre Bedienung zu erklären. Auch die Wartung und Bedienung der Gewächstechnik durfte ich mit ihnen zusammen durchführen. Die Sprache war kein Problem, da dort fast alle ein wenig deutsch sprachen.

Aber neben der Arbeit gab es ja auch noch die Freizeit. Ich habe dort mit einer anderen Praktikantin aus Berlin in einer Schulwohnung gelebt und konnte mich nach dem Feierabend völlig frei bewegen. Neben einem Parisausflug mit Sightseeing und einem Tagestrip nach Straßburg unternahm ich auch eine Radtour durch die Vogesen. Da es dort eine Menge Sehenswürdigkeiten und interessante Orte gab, konnte von Langeweile in diesem Monat keine Rede sein.

Um die Geldfrage musste ich mir keine Gedanken machen, da dieses Praktikum mit dem Stipendium im Rahmen der Europäischen Union (LEONARDO - Programm „Lebenslanges Lernen“) komplett finanziert wurde. Darunter zählten die Reisekosten, die Unterkunft sowie die Verpflegung. Und die Ausbildungsvergütung wurde regulär weitergezahlt. Urlaub musste ich mir natürlich auch keinen nehmen, da dieses Praktikum ein vollwertiger Bestandteil meiner Ausbildung ist. Die Reiseorganisation übernahmen die Lehrer meiner Berufsschule und wir wurden super auf die Reise vorbereitet. Neben Frankreich standen übrigens auch Tschechien und Finnland zur Auswahl.

Abschließend kann ich nur sagen, dass das ein großartiger Monat war. Ich habe viel von der elsässischen Kultur kennen gelernt und vor allem eine Menge wichtiger Sachverhalte für meine Ausbildung mitbekommen. Es ist eine Erfahrung fürs Leben, die mich persönlich ein großes Stück selbstständiger und verantwortungsbewusster gemacht hat. Ich bin froh, dass die Peter-Lenné-Schule so etwas anbietet und kann nur jedem empfehlen, dieses Angebot zu nutzen!

© Cyril Hinz, Peter-Lenné-Schule - OSZ Agrarwirtschaft Berlin, 2010

 


Bildnachweis:

Altstadt Colmar: Wikimedia Commons, Tizianok, GNU Free Documentation License, Version 1.2 or any later version