London 1Ich war so froh, als ich die E-Mail bekam in der stand, dass ich nun doch in meinen Auslandsaufenthalt starten könne. Es war zwar fast ein halbes Jahr später als ursprünglich geplant, denn die Covid-19-Pandemie hatte mir einen Strich durch die Rechnung gemacht, doch August erschien mir ebenso gut zu sein wie April. Was mich jedoch überraschte, war, dass auf meinem Flugticket nicht Dublin, sondern London stand. Ich checkte schnell die Email nochmal, doch auch hier stand London, nicht Dublin, für das ich mich eigentlich beworben hatte. Ein wenig verwirrt blickte ich auf meinen Dublin Reiseführer, der, mit Klebezettelchen übersäht, neben meinem Bett lag. Doch ich hatte London schon einmal besucht und die Stadt in guter Erinnerung behalten, also zuckte ich mit den Schultern und begann meine Reise nach London zu planen. 

Wir landeten am Sonntag in Stansted und Montag begann ich meinen Job als Gärtnerin bei Harry Holding Garden Designs London. Diese sehr kleine Firma bietet neben der Pflege von Privatgärten auch das Design und die Anlegung solcher an. Harry Holding, der Gründer der Firma, hatte Garden Design in den Royal Botanical Kew Gardens von London studiert. Er klang sehr nett am Telefon und dieser Eindruck bestätigte sich, als ich ihn am Montag traf. Harry Holding erzählte mir ein wenig über die Geschichte der Firma, er hatte sie erst vor wenigen Jahren gegründet, direkt nach dem Abschluss seines Studiums in Kew. Er hatte bis jetzt nur drei Angestellte, George Atack, den Manager und Gärtner, sowie Ben Thatcher und Chris Ashbury, die
beiden Gärtner. Er selbst arbeitete meist im Büro um die Klienten zu betreuen und vor allem um Wege zu finden, die Firma und die gärtnerischen Tätigkeiten so nachhaltig und umweltfreundlich wie möglich zu gestalten. Harry Holding Garden Designs sollte bis spätestens 2030 CO2-Neutral sein. Auch bei dieser Arbeit sollte ich ihn zweimal die Woche unterstützen. Ich lernte George und Ben, meine neuen Kollegen für die nächsten vier Wochen, kennen. Wir starteten mit der allgemeinen Pflege von Privatgärten. Wir hatten für jeden Garten zwischen 2 und 3 Stunden Zeit, je nachdem wie groß dieser war. Es waren vor allem Instandhaltungspflegearbeiten, wie das Schneiden von Taxus-Hecken, dem Rückschnitt der stark wuchernden Wisteria oder dem Entfernen von Wildkräutern aus Beeten. Am Anfang redeten wir über die Werkzeuge und ich versuchte mir die englischen Vokabeln wie secateurs, trowel, cultivator oder rake schnell zu merken.

Rooftopgarden Portobello Road
In der zweiten Woche durfte ich bei der Neuanlage eines von Harry Holding designten Rooftop-Gardens nahe der Portobello Road helfen. Rooftopgarden bedeutet aber leider auch, dass wir zwei Paletten Compost, sowie eine Palette Topsoil und eine Palette Hydro-Leca ins sechste Stockwerk tragen mussten. 25Kg wogen die Topsoil-Säcke. Der Hydro-Leca war in 25Liter-Säcken welche zum Glück leichter waren und der Compost kam in 20Liter-Säcken. Der Compost war Torf frei und bestand aus einer Mischung aus Schafswolle und kompostiertem Laub und „bracken“, einer Farnart. Auch die Erde war Torf frei. Das war Harry sehr wichtig.Am nächsten Tag wurden die Pflanzen geliefert: Trachelospermum jasminoides, welcher die Holzlattenwände des Rooftops bewachsen sollte, Echinacea purpurea, Rosemarinus officinalis, Thymus vulgaris, Lavendula angustifolia, Salvia officinalis und ein Citrus reticulata, sowie ein paar Gräser um die Lücken zu füllen.

london rooftop 3

london rooftop 2

london rooftop 3

london rooftop 4

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir begannen mit dem Füllen der Pflanzkästen auf dem Rooftop. Zuerst legten wir den Boden der Pflanzkästen mit einer Geotextilmembran aus, es sollte die Pflanzkästen aus Metall vor der feuchten Erde schützen. Wir maßen die Kästen aus und schnitten die Stücke von der Rolle zurecht. Dann füllten wir eine Schicht 10cm topsoil ein, dann eine Schicht Topsoil und Compost Gemisch ca. 20cm, dann eine Schicht Topsoil, Compost und Hydroleca gemischt ca. 20cm bis die Kästen auf 10cm unter Kante gefüllt waren. Danach pflanzten wir. Währenddessen
erschien Mike, der befreundete Inhaber einer Irrigation-System-Firma. Er installierte ein Tröpfchenbewässerungssystem, welches über einen Timer vollautomatisch die von uns gepflanzten Stauden (perennials) und Gehölze (shrubs) wässern sollte. Er verlegte ein braunes Tropfrohr mit Haken im Pflanzkasten verankert und bohrte dann mit einem kleinen Bohrer Löcher überall dort, wo Pflanzen standen, hinein. Wir bedeckten seine fertige Arbeit mit einer Schicht Compost. Und banden die sensiblen Trachelospermum mit Schnur aus Jute an die Holzlattenwände. Dann waren wir fertig.

Cemetery Fulham Palace Road
In meiner dritten und vierten Woche hatten wir eine neue Baustelle in einem ebenfalls von Harry designten Garten. Eine Familie hatte sich in London an der Fulham Palace Road die Kirche auf einem alten Friedhof gekauft und nun wurde diese in ein sehr luxoriöses Wohnhaus umgebaut. Harry hatte mit seinen Leuten bereits das Dach begrünt und das wurde von einem
Dokumentationsteam aufgenommen. Über diese Baustelle wird nämlich eine Dokumentation gedreht, welche auf Channel 4 unter der Rubrik „Grand Designs“ zu sehen sein wird.
Unsere Aufgabe für die nächsten Tage bestand im Anlegen des Woddlandgardens. Harry hatte für diese Baustelle nicht nur das Rooftop und den Woodlandgarden auf der Nordseite designt, sondern auch den Curved Garden auf der Südseite und den Frontgarden auf der Westseite der alten Kirche.

Harry und seine Mitarbeiter hatten den Woodlandgarden bereits mit Topsoil gefüllt. Meine Aufgabe bestand im Pflanzen der Dryopteris filix-mas, Asplenium scolopendrium und Anemone japonica und der anderen Waldpflanzen. Vor allem Farne sollten den Boden schmücken und die Anemonen als Weißblühende Eye-catcher sich darüber erheben. Als wir fertig gepflanzt hatten, kam erst wieder Mike mit seinem Irrigation-system auf die Baustelle, währenddessen sollte ich die Lücken zwischen den vorher gelegten Trittplatten mit Limestone Kies füllen und darin eine kleine Bodendecker-Pflanze pflanzen, die bis nächstes Jahr den Weg bdecken sollte.Meine Kollegen streuten, nachdem Mike das Bewässerungssystem installiert hatte, dunklen
Rindenmulch aus. Dann war unsere Arbeit getan. Zum Schluss pflanzten wir noch ein paar Trachelospermum jasminoides in dem Curved Garden der Südseite. Chris brachte derweilen zwei
horizontale, über die gesamte Länge der Sandsteinmauer gehende Drahtbänder mit Haken an, an welcher die Trachelos langwachsen sollten um die kahle Sandtseinmauer zu begrünen.

Mein Auslandspraktikum hat mir unglaublich gut gefallen. Ich habe sehr gerne mit George, Ben und Chris in einem Team gearbeitet. Die englische Höflichkeit ist selbst auf der Baustelle gang und gäbe und ich habe viel gelernt, vor allem über Zusammenarbeit. In Großbritannien ist es so, dass der landschaftsgärtnerische Beruf noch einmal aufgeteilt ist in Horticultural, also Gärtnern mit Schwerpunkt Pflanzen und Pflege und Landscaping, also Gärtnern mit Schwerpunkt im Anlegen von Wegen, Zäunen, Mauern, Teichen usw.. Ich habe in einer Horticultural Gartenfirma gearbeitet,welche aber auch Gardendesign anbietet. Ein bis zweimal die Woche habe ich für Harry im Homeoffice Nachforschungsaufgaben erledigt.Ich habe interessante und aussergewöhnliche Zwiebel- und Knollengewächse herausgesucht und in einem Katalog nach Jahreszeiten sortiert angelegt. Außerdem habe ich für regelmäßig bestellte Produkte wie Topsoil, Gravel, Bark oder Compost über Händler in London nachgeforscht und ob diese nachhaltig arbeiten. Wichtig waren Harry Dinge wie Standort innerhalb Großbrittaniens, Verzicht auf Torf sowie Investitionen in gemeinnützige Organisationen oder Charity Work. Ich würde jede*r zukünftigen Gärtner*In empfehlen ein solches Auslandspraktikum wahrzunehmen. Ich habe so viel gelernt, zuletzt auch über mich selbst, habe an Selbstbewusstsein gewonnen, auch durch die verbesserten Sprachskills und ich habe eine Menge Spaß gehabt.

Text/Fotos: Aliena Lieben, 583