Eine Dienstreise zum Volk der Bamiléké (Kamerun)

bassossa karteKönnen Sie sich vorstellen, was eine Stromsperre ist? Können Sie sich vorstellen, mit der Wassermenge einer Ananasbüchse zu duschen? Können Sie sich vorstellen, aus einem Loch am Straßenrand Ihr Trinkwasser zu schöpfen?

Drei Lehrer der Peter-Lenné-Schule machten sich auf den Weg nach Bassossa in Kamerun/Westafrika und konnten diese Erfahrungen selbst machen.

Der eigentliche Reisezweck hat eine lange Vorgeschichte. Kurz gefasst ging es darum, in einer dörflichen Krankenstation eine ständige Licht- und Stromversorgung aufzubauen, Möglichkeiten für eine hygienische Wasserversorgung zu erkunden und das Gelände für den Bau eines Berufsschulzentrums – das erste seiner Art in Kamerun – zu vermessen.

Die Lehrer – Klaus Pellmann, Martin Rammensee und Harald Sterzenbach – wurden begleitet vom Filmemacher Michael Schäfer und von dem in Kamerun gebürtigen, inzwischen in Berlin lebenden Architekten Dr. Emmanuel Mouafo. Den spannenden Bericht von Martin Rammensee über die Reise in das West-Kameruner Grasland, zum Volk der Bamiléké, veröffentlichen wir hier in Auszügen.


Dienstreise nach West-Kamerun vom 23. März bis zum 5. April 2010

Tagebuchaufzeichnungen von Martin Rammensee

Dienstag, 23. März 2010
Flug Berlin – Paris – Duala, Ankunft in Duala

Fliegen auf einer geraden, wie mit dem Lineal gezogenen Linie von Paris nach Duala. Über dem Flughafen von Duala musste das Flugzeug nochmals durchstarten und zum zweiten Mal zur Landung ansetzen, da das Funkfeuer des Flughafens nicht mehr funktionierte. Als wir die ans Flugzeug geschobene Treppe hinab stiegen sprang uns die Hitze an und raubte uns fast den Atem – über 90 % Luftfeuchtigkeit und über 30 °C. Mir war das Ganze ja aus Malaysia bekannt.

Mittwoch, 24. März 2010
Fahrt von Duala nach Bassossa

Sitzen jetzt in der Hotellobby des Jet-Hotels und diskutieren, überlegen, Emmanuel telefoniert unentwegt. Spät am Abend soll es noch zum Sultan von Foumban gehen, dazwischen wird in Duala noch ein Gel-Akku für 250 € besorgt, konnten den aus Berlin im Gepäck nicht mitnehmen, da es sich dabei um Gefahrgut handelt. Der Händler wird mit dem Akku ins Hotel kommen.
Gestern Abend gingen wir nach der Landung durch endlose Gänge, der Schweiß tropfte uns in Strömen von der Stirn, zur Passkontrolle, Gelbfieberkontrolle, danach in die Flughafenhalle, einem 60er-Jahre-Bau mit DDR-Flair, unter dessen Decke nur ein paar einzeln noch funktionierende Lampen ein diffuses Licht verbreiteten und in dem ein infernalischer Lärm herrschte, mit Hunderten wild durcheinander hastender Menschen.

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Die Küstenstadt Duala ist die größte Stadt Kameruns.
Das Dorf Bassossa befindet sich 300 km in nordöstlicher
Richtung, nahe der Provinzhauptstadt Bafoussam
.

Kartenquelle: Wikimedia Commons, Domenico-de-ga, GNU-FDL

Soweit ein Auszug aus dem Tagebuch vom Beginn der Reise, nachfolgend finden Sie es in ausführlicher Fassung.

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Dienstreise nach West-Kamerun vom 23. März bis zum 5. April 2010

Tagebuchaufzeichnungen von Martin Rammensee

Dienstag, 23. März 2010

Flug Berlin – Paris – Duala, Ankunft in Duala

Endlich geht es los auf unsere Reise nach Westkamerun!

Wachte um 5:00 Uhr auf. Draußen zwitschern die Vögel. Um 6:00 Uhr waren wir mit dem Frühstücken fertig, um 8:00 Uhr dann am Flughafen Tegel. Hatte alles geklappt, neben den Reiseteilnehmern Dr. Emmanuel Mouafo, Klaus Pellmann, Harald Sterzenbach, Michael Schäfer und mir (Martin Rammensee) waren noch zum Flughafen gekommen: Prof. Michael Hartmann, Sigrit Peuker, Harald Sterzenbachs Frau, Max Pellmann und meine Frau Brigitte.

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Abschied am Flughafen Tegel   Martin Rammensee und Harald Sterzenbach

Muss mich nur noch in Paris um Haralds Bordkarte nach Duala kümmern, da diese nicht mit ausgedruckt worden war.

Der Airbus flog erst mit zehnminütiger Verspätung los.

Unterhalten uns jetzt im Flugzeug über unser Programm in Kamerun. Nach der Ankunft in Duala werden wir vom Hafenmeister abgeholt. In dessen Haus lassen wir das Gepäck und werden dann erst zum Jet-Hotel gefahren. Emmanuel erzählte von weiteren Projekten in Foumban, von Frauen, die aus selbst bedruckten Stoffen Kleider nähen…etc. (Denke mit Kunstgegenständen aus Kamerun, Kleidern, etc. später einmal im KH Spandau eine Ausstellung zu organisieren).

Toller Service auf diesem Air-France-Flug: als Aperitif Champagner, danach Hähnchen mit Bulgur, Camembert auf Butterbaguette, zum Trinken Vin Rouge vom Vintoux, Café, dazu Kuchen. Holte mir später noch ein paar Mal Apfelsaft. Mit den an Bord verteilten Kopfhörern konnte ich über den kleinen Bildschirm Filme und Musik auswählen. Hörte zuerst einmal in zahlreiche CDs afrikanischer Musik hinein: Dibango, Toumani Diabaté, Salif Keïta (den ich sowieso schon seit Jahren gerne höre), Nuru Kane, Victor Démé, etc. Hörte später noch französische Chansons: Renaud, Serge Gainsbourg, Bénabar, Jaques Brel etc…

Schaute mir den Film „Die Fälscher“ an, ein paar Ausschnitte „Wo die wilden Kerle wohnen“, das ich schon meinen Mädels, als sie noch nicht selbst lesen konnten, vorlas. Jetzt zurück zu Jaques Brel mit „Infiniment“, daraus „La Cathédrale“, „Le plat pays“, etc.

Weiter vorn (wo es auf den Sitzen neben dem Notausgang genügend Beinfreiheit gibt) filmt Michael Schäfer den Wolkenhimmel, der unter uns vorüberzieht. Einfach ein tolles Leben, hoffentlich bleibt es die Reise über auch so. Fliegen auf einer geraden, wie mit dem Lineal gezogenen Linie von Paris nach Duala.

Über dem Flughafen von Duala musste das Flugzeug nochmals durchstarten und zum zweiten Mal zur Landung ansetzen, da das Funkfeuer des Flughafens nicht mehr funktionierte. Als wir die ans Flugzeug geschobene Treppe hinab stiegen, sprang uns die Hitze an und raubte uns fast den Atem (über 90 % Luftfeuchtigkeit und über 30 °C). Mir war das Ganze ja aus Malaysia bekannt.

Mittwoch, 24. März 2010

Fahrt von Duala nach Bassossa

Sitzen jetzt in der Hotellobby des Jet-Hotels und diskutieren, überlegen, Emmanuel telefoniert unentwegt. Spät am Abend soll es noch zum Sultan von Foumban gehen, dazwischen wird in Duala noch ein Gel-Akku für 250 € besorgt, konnten den aus Berlin im Gepäck nicht mitnehmen, da es sich dabei um Gefahrgut handelt. Der Händler wird mit dem Akku ins Hotel kommen.

Gestern Abend gingen wir nach der Landung durch endlose Gänge, der Schweiß tropfte uns in Strömen von der Stirn, zur Passkontrolle, Gelbfieberkontrolle, danach in die Flughafenhalle, einem 60er-Jahre-Bau mit DDR-Flair, unter dessen Decke nur ein paar einzeln noch funktionierende Lampen ein diffuses Licht verbreiteten und in dem ein infernalischer Lärm herrschte, mit hunderten wild durcheinander hastender Menschen. Wir liefen fast im Laufschritt mit unserem gesamten Gepäck, das auch alles wie durch ein Wunder angekommen war, selbst die unbeschädigten vier Solarpaneele, dem Commandante durch eine Phalanx von Kofferträgern und Zollbeamten hinterher, durch den Ausgang nach draußen…

…wo erst richtig das Inferno über uns hereinbrach. Zahlreiche wild gestikulierende und durcheinander schreiende Menschen stürzten auf uns zu und versuchten, uns die Koffer und Taschen aus den Händen zu reißen. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass unter den Menschen auch zahlreiche Freunde von Emmanuel waren. Im Laufschritt, eskortiert von einer großen Menschenmenge, ging es eine Treppe hinunter zu einem großen Parkplatz, auf dem wieder eine große Menschenmenge zwischen den vielen Autos hin und her wogte. Auch dort an den Autos, die uns mitnehmen sollten und vor denen unser Gepäck aufgestapelt war, stritten sich noch immer die Kofferträger mit unseren Helfern und bettelten Kinder mit aggressivem Ton.

Vor dem Jet-Hotel standen viele Männer der Bassossa-Communauté und trommelten uns ein Willkommenskonzert. Im Hotel, nach dem Beziehen der Zimmer, gab es ein großes Begrüßungskomitee in der Hotelhalle unter der Leitung von Herrn Samuel Mba, der sich bei uns für unser Kommen bedankte. Harald musste als Ältester eine kurze Rede halten. Die Bassossa-Communauté will uns aber vor der Rückreise nach Berlin in Duala nochmals ein Fest ausrichten.

(Während ich das im Foyer des Jet-Hotels schreibe, erzählt mir Harald von der Antarktisexpedition mit der Endurance und von Alexander von Humboldt am Orinoko, wir werden auf der Reise noch auf viele Themen mit gemeinsamem Interesse stoßen, wie die Werte des Lebens, die „Wurzeln“ der Freude in uns, unsere Ruhepole an einem anderen Ort, Harald in Bergenbach in den Vogesen, wo er sich schon auf seine Hühner freut, bei mir mein Domizil in Südfrankreich, unter meinem Olivenbaum mit dem Gesang der Zikaden im Ohr.)

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Fahrt nach und Empfang in Bassossa

Donnerstag, 25. März 2010

Empfang, Grundsteinlegung und Filmvorführung in Bassossa

Nachts hörte ich Trommeln, deren auf und abschwellendes Tam Tam aus den bewaldeten Hügeln Bassossas sich im Halbschlaf zu einem Traumteppich verwob.

Wir waren noch den Tag zuvor, nach einer fünfstündigen Fahrt durch zahlreiche Dörfer und Städte, nach Bassossa gelangt, durch Städte, in denen das Leben in den Werkstätten und Häusern an des Straßenrand gestülpt schien, Stunde um Stunde entlang einem farbenprächtigen, grünen, rot erdfarbenen, metallen glitzernden Endlosband voller Menschen, schwere Lasten auf dem Kopf balancierend oder hinter sich herziehend, bis zu viert auf einem Motorrad sitzend, begleitet von einer Kakophonie aus Stimmengewirr, Autohupen, aufheulenden Motoren und dem Knattern von Zweitaktern, abgelenkt nur durch das dumpfe Dröhnen und Kreischen der gequälten Karosserie, die wieder und wieder beim Durchfahren von Schlaglöchern zum ganz eigenen Klangkörper wurde.

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Frauenhäuser der Chefferie von Bassossa   Trommelgruppe zum Empfang

Bassossa ist eine Siedlung in einer bergigen, auf 1400 bis 1500 m Höhe gelegenen, sehr fruchtbaren, mit roter, sehr humoser Erde und vielfach noch locker bewaldeten Landschaft West-Kameruns. Das Dorf Bassossia (Bezeichnung für Bassossa und die außerhalb gelegenen Bezirke) erstreckt sich über 15 km² und hat etwa 10 000 Einwohner, die in Häusern wohnen, gebaut aus geformten und luftgetrockneten Ziegeln der anstehenden roten Erde, die nicht mehr die früher typischen Grasdächer, sondern silberfarbene, unterlüftete Aluminiumdächer haben.

Je höher gestellt ein Bewohner innerhalb der Hierarchie des Ortes ist, desto mehr hohe Spitzdächer haben nicht nur die Chefferien sondern auch die Häuser der Notablen. Auf der Spitze der Dächer befinden sich, wie kleine Wetterfahnen, metallene Symbole für die Sippenzugehörigkeit ihrer Bewohner, z.B. eine Antilope oder ein Löwe etc. Gerade diese Chefferien, bzw. größeren Anlagen, werden von Ethnologen zur interessantesten Architektur ganz Afrikas gerechnet. Später noch mehr dazu…

Zum Glück hatte uns Blaise, unser Fahrer in West-Kamerun, in Bassossa, im Rohbau Emmanuels abgesetzt. Zum Glück hatten wir in unserem Gepäck fünf stabile Campingliegen mitgebracht, die wir auf einer der beiden Terrassen nebeneinander stellten. Wasser gab es unten in einem 25 Meter tiefen Brunnen, allerdings nicht für uns zum Trinken – Trinkwasser musste erst am zwei Kilometer entfernten Dorfplatz gekauft werden, was nicht immer auf Anhieb klappte. Die Toilette bestand aus einem kleinen Loch in einer Betondecke unter freiem Himmel.

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Ausblick von der Terrasse in Emmanuels Haus

Emmanuel und Klaus waren noch in der Nacht in das zwei Stunden Autofahrt entfernte Foumban gefahren, wo sie den Sultan Ibrahim Mbombo Njoya, den 19. Herrscher der Bamoun-Dynastie, einen der zehn reichsten Männer Kameruns und früheren Premierminister, besuchten und für den Emmanuel einen Museumsanbau projektiert. Auf dem Rückweg waren sie in Bassossa noch beim Häuptling des Dorfes vorbeigefahren, der schon seit dem Mittag mit einem festlichen Programm auf uns gewartet hatte.

Harald, Michael und ich saßen in der plötzlich hereinbrechenden Nacht noch lange auf einer der Terrassen, tranken eine Flasche Castell-Bier (0,63 Liter pro Flasche), dazu marokkanische Sardinen aus der Büchse mit Baguette. Zeigte Emmanuels Schwester Melanie und einem seiner Brüder, der Tischler lernt, unsere aus Berlin mitgebrachten Fotos und erzählten von unserer Arbeit. Erfuhren dabei auch, dass viele der älteren Menschen eine Mischung aus Französisch und Bansoa (?), der Stammessprache ihrer Ethnie, sprechen.

Jetzt, am frühen Morgen, kurz nach 6:00 Uhr, werde ich durch zahlreiche Tierlaute geweckt, die aus dem Blätterdach unter und neben uns an mein Ohr dringen: Neben den Stimmen der Frauen, die mit ihren kleinen Hauen bereits auf den Feldern arbeiten, krähen die Hähne, grunzen Schweine, keckern seltsame Vogelstimmen, unter denen ich nur das up, up eines Wiedehopfs erkenne; weiter weg dann das Kreischen eines mir unbekannten Tieres.

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Unser Nachtlager in Bassossa

War gerade mit dem Waschen (anfangs mit einem Becher Wasser, ähnlich der Erfahrung auf meiner letzten Saharawanderung) fertig, als Melanie, eine 17-jährige Schwester Emmanuels, mit einer Staude Bananen auf dem Kopf und weiteren Verwandten im Schlepptau, die Treppen zu uns emporstieg.

Die nächsten Tage gab es immer die gleichen Sardinen mit Baguette zum Frühstück, dazu Wasser aus der Plastikflasche (tranken wegen des Staubs und der Hitze 4 – 5 Liter pro Tag). Ab dem dritten Tag in Bassossa zerkleinerte Aimé, der sehr fleißig ist, jeden Morgen Holz, um uns für einen Nescafé Wasser in einem Eisentopf zu erhitzen. Mittags sollten wir dann auf dem Festplatz vom Häuptling und der Dorfbevölkerung empfangen werden.

Zuerst ging es mit dem Häuptling und dem Entwicklungsbeauftragten der Region nach Penka Michel, wo uns um 8.30 Uhr der Sous-Préfet (Unterpräfekt) empfing.

Wir wurden sehr herzlich begrüßt, erklärten, wer wir sind und was wir vorhaben, zeigten Fotos von unserer Arbeit in Berlin, und Emmanuel rollte seine Architekturpläne des geplanten Berufschulzentrums in Bassossa aus, wo wir sie auf dem Boden mit allerlei Gegenstände beschwerten.

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Grundsteinlegung in Bassossa mit dem Häuptling und dem Sous-Préfet

Der Sous-Préfet war von unseren Überlegungen sehr angetan und servierte uns vor dem obligatorischen Sardinen-Frühstück Whiskey, was wir aus Höflichkeit nicht ablehnen konnten.

Nach dem gemeinsamen Foto vor seinem Haus hielten wir nochmals im Zentrum von Penka Michel, wo wir einen Laden von Papa Kolla fotografierten, die Statue auf einem Podest an einer Straßenkreuzung, und die bereits verrostenden Schilder, die vor Aids warnen.

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Denkmal in Penka Michel   Warnung vor Aids

Wieder zurück in Bassossa fuhren wir zuerst zur Chefferie (den Häuptlingstümern) seiner Majesté Tchinda Fô so´o ssa III Fidèle vom Volk der Bamiléké, und mit ihm zusammen zum Festplatz, wo uns schon hunderte von singenden und tanzenden Frauen und Trommelgruppen erwarteten. Während die Darbietungen noch liefen, zogen sämtliche Schüler unter der Fahne Kameruns in beinahe militärischer Formation auf den Festplatz.

Nach der Begrüßung durch den Häupling, den Sous-Préfet und den Präsidenten Soh Moumbé der Organsiation CODEBAS (Organsiation für kulturelle Angelegenheiten von Bassossa/Bassossia) sangen sie die Nationalhymne Kameruns. Während der darauf folgenden langen Reden aller um den Häuptling Versammelten, der auf seinem schön verzierten Holzthron saß, neben ihm immer seine Wache, ein älterer Mann mit zwei tradionellen Speeren mit Eisenspitzen, ebenso dem Vorstellen der Berliner Besucher, standen die kleinen Kinder unbeweglich in der heißen, senkrecht über uns stehenden Sonne. Wir hatten zum Glück ein Palmendach, von starken Windböen bewegt, über unseren Köpfen.

Vom Festplatz aus zogen wir danach zu dem für die Grundsteinlegung vorbereiteten Gelände neben der Grundschule von Bassossa. Nachdem die Mischung vorbereitet worden war, legte der Häuptling symbolisch einen Grundstein auf das Mörtelbett. Dahinter hatten sich Klaus und Jean aufgestellt, mit dem aufgerollten Plan des Berufsschulzentrums in den Händen.

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Empfangsfest für uns in Bassossa

Der Sous-Préfet von Penka Michel appellierte eindringlich an die Dorfbewohner, ein größeres Grundstück für das Projekt auszuwählen, das auch spätere Erweiterungen zulässt.

Das Grundstück schauten wir uns dann gegen Abend noch an, ziemlich groß, mit einem relativ ebenen oberen Teil, der dann immer steiler werdend gegen Nord-Westen abfällt. Im Hintergrund sind tolle Felsformationen zu sehen, die neugierig auf eine Erkundung machen.

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Gemeinsames Warmup vor Kamerun–Deutschland

Nach der Grundsteinlegung schenkten wir dann den Schülern von Bassossa mit ihrem Rektor und Lehrer 22 grüne T-Shirts mit einer Bassossa-Aufschrift und dem Schulemblem der Peter-Lenné-Schule und einen Fußball mit der Aufschrift der Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Nach einer kurzen Warmlaufphase begann dann ein schnelles Spiel Deutschland gegen Kamerun, in dem sich auch Emmanuel und Klaus durch gewagte Balleinsätze unter Applaus besonders hervortaten, was bei der Hitze und der hohen Luftfeuchtigkeit eine ganz besondere Meisterleistung war.

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Dorfkino mit Laptop und Beamer

Abends baute Michael auf der Veranda der Dorfschule Laptop und Beamer auf, als Leinwand diente ein an der Wand befestigtes Leintuch. Leider brach nach kurzer Zeit das Tonsystem zusammen, da die Energie des Generators nicht ausreichte, um alle Geräte mit Strom zu versorgen. Für die nächsten Abendvorstellungen gab es dann einen zweiten Generator, so dass wir Filme mit Ton zeigen konnten. Wir zeigten einen Film über die Geschichte Deutschlands, bzw. den Mauerfall. Danach die von Michael mittags aufgenommenen Tanz- und Trommeleinlagen während der Begrüßungsfeier. Allerdings löste die tonlose Wiedergabe so manche Lachsalve aus. Viele der Kinder, aber auch die Erwachsenen, hatten sicherlich noch nie einen Film gesehen – dementsprechend hoch war die Begeisterung.

Am ersten Abend waren vielleicht 300 Menschen im Schulhof, am Abend der letzten Vorführung reichte der große Schulhof fast nicht mehr für die Menschenmassen aus; viele Einwohner waren kilometerweit gelaufen, um die Vorführung mitzuerleben. Nachdem die Filme über Brunnenbau und die Empfangsfeier diesmal mit Ton gezeigt worden war, fand die Begeisterung keine Grenzen mehr. Emmanuel wurde mit frenetischem Beifall gefeiert und meinte, er wäre sich wie auf einer Wahlkampfveranstaltung vorgekommen. Wieder und wieder feierten die Dorfbewohner ihn als einen der ihren, den aus der Fremde heimgekehrten Sohn.

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Die École publique der Samtgemeinde Bassossia

© Text: Martin Rammensee, Bilder: Martin Rammensee, Klaus Pellmann, Harald Sterzenbach; Peter-Lenné-Schule - OSZ Agrarwirtschaft Berlin 2010


Freitag, 26. März 2010

Installation von Solarpaneelen

Wachte noch vor dem Morgengrauen auf. War froh, doch einen guten Schlafsack mitgenommen zu haben. Die ganze Nacht über war es windig gewesen. Hatte mir eine kleine Decke mitgenommen, die ich mir nachts um den Kopf wickelte, dass nur die Augen und die Nase frei blieben. Am Morgen war der Schlafsack vom Tau richtig nass, obwohl es nicht geregnet hatte. So nach und nach erwachte auf den umliegenden Hügeln das Leben. Wieder drangen zahlreiche Vogelstimmen an mein Ohr, das Lachen einer Frau, dann eine kurze Melodie, die immer wieder abbrach, Kinderlachen.

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Im Morgendunst

Oben verblassten die Sterne, hing noch lange der Mond als bleiches Scharrbild über der Horizontlinie. Wie Scherenschnitte traten nach und nach die Schemen der Baumriesen aus dem milchigen Dunst, als hätte ein unbekannter Künstler eine Filmkulisse um die Terrasse mit unseren Feldbetten gestellt.

Ertappe mich noch öfters dabei, dass ich darüber ins Grübeln gerate, welche Bilder sich in unserer imaginären Erinnerung festgesetzt haben, was das Bild von Afrika anbelangt. Bilder einer fiktiven Welt, die im Fremden eine ersehnte bessere Welt imaginiert, immer eurozentrisch geprägt, Claude Lévi-Strauss' „Traurige Tropen“ (oft verwischen sich sogar die Kontinente), die negativen Bilder von Joseph Conrad, die Berichte Livingstons, Filme, wie „Jenseits von Afrika“, etc.

Dabei war alles so ganz anders… waren wir mit den afrikanischen Verhaltensmustern an vielen Stellen wieder und wieder überfordert, was uns öfters zornig werden ließ, dann wieder melancholisch und hilflos, als wäre uns alles Normative schlagartig abhanden gekommen.

Emmanuel hatte uns heute Café versprochen. Und wirklich brachte uns Aimé Nescafé und auf dem Holzfeuer erhitztes Wasser. Dazu Bananen, die Melanie wieder auf dem Kopf zu uns nach oben trug.

Nach dem Frühstück luden wir unsere vier Solarpaneele, die große Aluminiumkiste mit Werkzeug, Kabeln, Fassungen, Lampen, den Gel-Akku, die Schienen, die als Halterungen dienten, etc. ins Auto und pflügten mit krachenden Geräuschen die staubige, hundert Jahre zuvor unter der deutschen Kolonialherrschaft erbaute Straße.

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Solarpaneele für die Krankenstation

Kurze Zeit später – unterwegs mussten wir zahlreiche Dorfbewohner grüßen – gelangten wir zur Krankenstation von Bassossa. Vor der Station warteten schon zahlreiche Frauen mit kranken Kindern auf den Arzt. Noch öfters sollten Männer, deren Frauen Plastikflaschen hochhielten, die über einen Plastikschlauch mit einer Hand des Patienten verbunden waren, unseren Weg kreuzen. Oft schrieen auch Kinder, einmal wurde unsere Arbeit auch vom Stöhnen einer Frau begleitet.

Wir hatten vor, über die Solarpaneele die Krankenstation mit Strom zu versorgen, d.h. mehrere Räume mit Lampen zu versehen, auch später einen kleinen Kühlschrank zu betreiben.

Nachdem wir die Paneele aus den in Berlin mit unseren BQL-Schülern fertig gebauten Transportkisten genommen hatten, schloss Harald diese am Akku an. Er war sofort begeistert von der Menge an Sonneneinstrahlung, die unsere Messgeräte anzeigten. Harald hatte einen Akku-Schrauber so umgebaut, dass wir ihn über ein Paneel direkt betreiben konnten. So reichte die Energie aus, um auch 8-mm-Dübel in den Wänden zu verankern.

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Zusammenbau der Paneele

Ernest, der Arzt der Krankenstation, war von unserem Geschenk für die Dorfgemeinschaft so begeistert, dass er uns spontan Bier spendierte, was bei der Hitze gar nicht so gut war (sollte auch das einzige Bier bleiben, das wir tagsüber tranken, nur der Höflichkeit geschuldet). Er übergab Emmanuel später eine Liste von Medikamenten, die Emmanuel bei Berliner Ärzten einsammeln will, wobei noch überhaupt nicht geklärt ist, wie diese durch den Zoll gelangen sollen, hatte ich doch schon in Paris erhebliche Schwierigkeiten, unsere Medikamente durch die Flughafenkontrollen zu bekommen.

Mittags erschien Melanie, in einem Korb Töpfe mit warmen Essen. Leider konnte Klaus nicht mitessen, da er immer noch erhebliche Schwierigkeiten mit seinem Magen hatte. Es gab wieder ein scharfes Gemüse, Grünkohl vergleichbar, dazu „Pilet des Pommes“, ein ebenfalls gut gewürztes Gemüse mit Yams-Wurzeln, Kartoffeln, Bohnen, Palmöl und Pfeffer, was aber manchmal auch „Liane mou“ genannt wurde (bei der nächsten Reise werde ich auch kulinarisch noch besser vorbereitet sein, also seht mir diesmal etwaige Fehler in der Schreibweise noch nach!)

Später schaute Jean Leche vorbei, den wir nur „den Solinger“ nannten, da er viele Jahre in Deutschland gearbeitet hatte. Vor zwei Jahren musste er Hals über Kopf nach Bassossa zurück, um die Nachfolge seines 80-jährig verstorbenen Vaters anzutreten. Er hatte in einem 9-wöchigen Kurs mit den Ältesten des Dorfes sehr viele Traditionen erlernen müssen. Für mich war überaus spannend, wie Jean immer mehr an Kontur über seine Erzählungen gewann, eine zusehends stärkere Aura bekam. Muss dabei an unsere Kameruner Studenten denken, wie diese hier bei uns in Europa in ein Vakuum geschleudert werden, völlig jeder Legitimation beraubt, ihrer Wurzeln, und von ihrem Gegenüber überhaupt nicht verstanden werden können. (Seit der Reise nach Kamerun sehe ich Afrikaner in unseren Berliner Straßen mit völlig anderen Augen!)

Sah den ersten Häuptling von Bassossa einmal durch die Krankenstation gehen, wie er jedem Patienten zusprach, ihn mit seinen Hände berührte, seine Funktion scheint also auch eine helfende zu sein.

Jean erzählte auf mein Nachfragen weiter, dass er von den Ältesten auch lernte, unter welchen Bäumen Schlangen lebten, welche Orte eine besondere Bedeutung haben.

Für ihn war es auf der Beerdigung besonders befremdend, dass an seinem Tisch nicht seine Freunde saßen, sondern Mitglieder der Gemeinde, nicht nur Alte, sondern dazwischen auch Jüngere. Das traditionelle Alter hat nichts mit dem biologischen Alter des „Ältesten“ zu tun, da das Alter seiner Vorfahren aufaddiert wird, und dieses variiert je nach Bedeutung der Ahnen erheblich. Auch erfuhren wir, dass zwar viele Kameruner getauft sind, d. h. evangelisch oder katholisch, aber dennoch Animisten (Glaube an die Beseeltheit der Natur und ihrer Kräfte) geblieben sind. Dies gilt auch für die Anhänger des Islam in Kamerun.

Unabhängig davon, ob ein Gebäude, nicht nur die Chefferien, eine oder viele Pyramiden als Dächer aufweist, ist die Pyramide immer eine Stufe der Tradition, sind auch viele immer eine…; alle sind gleich, unabhängig von ihrer Höhe oder ihrer Größe. Bis vor einigen Jahren waren diese Dächer immer grasgedeckt, doch seit es das Aluminiumwerk ALUCAM gibt, das allein 75 % der gesamten Elektrizität des Landes verbraucht, gibt es fast überall in Kamerun diese silbern schimmernden Dächer, die zwischen den unzähligen Farbtönen des Dschungels auch ihren Reiz haben.

Wenn wir auch auf den Erinnerungssphären unserer inneren Netzhaut immer diese grasgedeckten Dächer sehen: Die Dachkonstruktion darunter und die unzähligen traditionellen Begrifflichkeiten, die damit in Verbindungen stehen, sind immer noch dieselben.

© Text: Martin Rammensee, Bilder: Martin Rammensee, Klaus Pellmann, Harald Sterzenbach; Peter-Lenné-Schule - OSZ Agrarwirtschaft Berlin 2010


Samstag, 27. März 2010

Installation von Solarpaneelen in Bassossa, Fahrt nach Foumban

Wachten mitten in der Nacht durch das Stakkato unzähliger Trommeln auf, die aus den umliegenden Bergen mal näher, mal weiter weg, an unsere Ohren drangen. Wie ein kreisender Klangteppich schien ein fast unwirklicher Chorgesang mal weiter oben, dann wieder weiter unten, aus dem strahlenden Sternenhimmel zu fallen. Wir konnten uns keinen Reim darauf machen. Ganz allmählich schälte sich aus den Klangmustern eine Richtung heraus, und nach ein bis zwei Stunden verklangen dann diese immer leiser werdenden Sphärenklänge, so dass wir uns nicht mehr sicher waren, dies alles nur geträumt zu haben.

Am Morgen, wir konnten nicht mehr so richtig schlafen, erzählte uns Melanie, dass dies eine Prozession gewesen sei, die die Einwohner von Bassossa „Jesu-Weg“ nennen, und zu der die Bewohner der ganzen Gegend des nachts singend und trommelnd in einem immer mächtiger anschwellenden Pilgerstrom, mit Palmwedeln in den Händen, zu einem 15 km entfernten Höhlenheiligtum pilgern, wo in der Morgendämmerung des Palmsonntags ein großer Gottesdienst stattfindet.

Um 8:00 Uhr fuhren wir dann zur Krankenstation, wo wir die Aluschienen für die Solarpaneele auf dem Aluminiumdach anbrachten. Dazu mussten wir die Nägel der Abdeckungselemente vorsichtig entfernen, da wir für die Schrauben der Schienen keine zusätzlichen Löcher in das Dach bohren wollten.

Je stärker im Laufe des Vormittags die Sonne vom klaren Himmel brannte, umso unerträglicher wurde es auf dem gleißenden Metalldach. Klaus musste sich mit einem feuchten Tuch um den Kopf schonen, da er von seinem immer noch verdorbenen Magen ziemlich geschwächt war.

Schnell hatten die Jungs von Aimé den Akku-Schrauber am Gel-Akku und am Solarpaneel angeschlossen und machten in den Räumen der Krankenstation mit den Installationen weiter. Harald fuhr mit unserem Fahrer Blaise, Aimé und Emmanuel nach Bafoussam, um Kabel zu besorgen. Leider kamen sie nach zwei Stunden ohne Kabel für die Solaranlage, dafür mit Croissants zu uns zurück, die wir hungrig mit Wasser hinunterspülten.

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HiTech: Solar-Akku-Schrauber

Klaus und Harald bauten weiter an der Solaranlage, Michael, Emmanuel und ich fuhren mit Blaise gegen Mittag los nach Foumban, um uns mit dem Sohn des Sultans zu treffen.

Nachdem wir die Stadt Bafoussam mit ihren manchmal einen halben Meter tiefen Schlaglöchern durchquert hatten, die nur durch Umfahren zu meistern sind, überquerten wir den breiten Nounfluss, den die Bamiléké in vielen ihrer Lieder besingen.

Emmanuel erklärte mir, warum dieser Grenzfluss so wichtig in der Geschichte seines Volkes sei. So hatten sich die Bamiléké, die überwiegend dem Christentum angehören und wie die meisten großen Ethnien im Westen von den Tikar im Mbam-Land abstammen, zunächst im Bamoungebiet niedergelassen.

Unter dem Druck der Bamoun überquerten sie den Fluss Noun, um sich im 18. Jahrhundert in ihrer heutigen Heimat mit dem Hauptort Bafoussam niederzulassen. Vom Fluss Noun ab tauchten auch immer mehr Minarette in den Dörfern entlang der Straße auf, je mehr wir uns dem Sultanat Foumban näherten. Neben den Straßen wurden auf den Grasflächen die pilzförmigen Termitenhügel immer zahlreicher, die en miniature häufig die hohen Vulkanberge am Horizont nachzubilden schienen.

Kurz vor Foumban schauten wir uns noch einen großen landwirtschaftlichen Betrieb an, der in vielen Bereichen mit seiner großen Geflügelanlage und den Schweineställen beinahe an einen Betrieb europäischen Standards heranreichte. Immer wieder fiel mir auch hier die fruchtbar tonhaltige rote Erde auf.

Vor dem Palast des Sultans waren wir sofort von zahlreichen Straßenhändlern umringt. Während Emmanuel versuchte, den Sohn des Sultans zu erreichen, der Chefarzt des Krankenhauses von Foumban war, und dessen marodes Krankenhaus wir später noch besuchen sollten, besichtigten wir den alten Baobabbaum vor dem Palasteingang und die deutschen Grabsteine der Sultansfamilie mit Jahreszahlen vom Anfang des 20. Jahrhunderts.

Auffallend waren auch die zahlreichen, vor einem Nebengebäude aufgereihten Nilpferdschädel, die von besonderen Jagdfesten des Sultans stammten. Im ersten Stock spielten Musiker auf Trommeln und Blasinstrumenten, die sie uns erklärten und unbedingt verkaufen wollten.

Nachdem wir auf einem Kunstmarkt noch einen bronzenen Löwen gekauft hatten, besichtigten wir das Krankenhaus von Foumban.

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Gebärstuhl der Krankenstation Bassossa   Geburtsstation in Foumban

Der Chefarzt, ein Fröhlichkeit ausstrahlender Mann, hat aus eigenen Mitteln mehrere Computer angeschafft, konnte hunderte von Jugendlichen motivieren, sich für ihre jeweiligen Stadtteile zu engagieren, Missstände anzuprangern, alten und kranken Menschen zu helfen, Konzerte und Veranstaltungen für einzelne Stadtgebiete zu organisieren.

Der Heimweg war eine wilde Fahrt durch die Nacht – viele Autos und Motorräder fahren ohne Licht, und auf den Straßen sind unzählige Menschen unterwegs, die oft nur im letzten Moment von Blaise gesehen werden. Ziemlich zerschlagen und voll an Eindrücken krochen wir bald in unsere Schlafsäcke.

Sonntag, 28. März

Einmessen des Schulgrundstücks in Bassossa, 1. Tag

Nachts wachte ich mehrmals frierend auf und war ganz froh über meinen etwas wärmeren Schlafsack.

Nach dem obligatorischen Sardinenfrühstück mit einem Becher Café und Bananen fuhren Klaus und ich mit Blaise zum Schulgrundstück, um es einzumessen. Auf dem Weg unterhalb des Grundstücks luden wir unser Stativ, das Nivelliergerät, die Drei-Meter-Messlatte, Bandmaß und unsere Zeichengeräte aus.

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Klaus, Martin, Gaston und Victor mit Fluchtstangen   Klaus beim Einmessen   Unsere kleinen Helfer

Viktor, einer der Gemeinderäte von Bassossa und ein guter Freund von Emmanuel, hatte bereits zahlreiche gerade Bambusstangen geschlagen. Wir baten ihn, diese mit der Machete auf zweieinhalb Meter einzukürzen. Mit der mitgebrachten roten Farbe wurde danach der obere halbe Meter angestrichen. Danach schritten wir mit Jean die Grenzen des eineinhalb Hektar großen Geländes ab und rammten mühsam alle dreißig Meter eine Fluchtstange in die rote Erde.

Das große Grundstück ist im oberen Teil relativ gerade und fällt zum Tal hin steil ab. Unser Problem war auch, dass viel große Bäume, die meist auf der Grenze standen, mit eingemessen werden mussten, was nur über Parallelmessungen möglich war. Bananen- und Kaffeestauden, die uns die Sicht versperrten, kappte Victor mit seiner Machete.

Klaus hatte ziemliche Probleme beim Ablesen der Zahlen auf der Messlatte, da die Luft in der Hitze ziemlich stark flimmerte und sehr viel Staub durch den im Laufe des Tages immer stärker werdenden Wind aufgewirbelt wurde. So mussten wir zahlreiche Hilfsstrecken aufbauen. Ein weiteres Problem war die Abschüssigkeit des Geländes, so dass wir im unteren Bereich bis zu acht Meter lange Bambusstangen nahmen, an deren oberen Ende wir mit Klebeband die Dreimeterlatte befestigten. Durch den starken Wind konnten wir sie häufig nur mit Mühe zu zweit festhalten.

Klaus schützte seinen Kopf durch ein weißes Tuch, mir hatte Harald seinen Südwester gegeben, so dass auch meine Ohren geschützt waren. Beim stundenlangen Halten der Fluchtstange vergaß ich nur meine Handrücken abzudecken, so dass ich mir während der zwei Vermessungstage einen gewaltigen Sonnenbrand holte.

Wir getrauten uns kaum Pausen zu machen, da uns für die Einmessungsarbeit nur zwei Tage zur Verfügung standen. Danach mussten wir ja nach Jaunde (frz. Yaoundé, die Hauptstadt Kameruns) kommen, um am Tag darauf die Deutsche Botschaft aufzusuchen. Machte mir auch viel Sorgen um Klaus, dem es nicht besser ging und dessen Gesicht immer schmaler wurde.

Während der Arbeit kamen uns immer wieder Kinder näher, oft acht- bis zehnjährige Mädchen, die oft eines ihrer kleinen Geschwister in einem Tuch auf dem Rücken trugen und den ganzen Tag über für dieses Kleinkind verantwortlich waren. Emmanuel meinte, die Kinder wären es gewöhnt, tagsüber mit wenig Wasser auszukommen. Meine mitgebrachten Kraftriegel und die Schokolade von Air France schnitt ich mit einem Messer in ganz kleine Streifen und verteilte sie mittags als Geschenk an die Kinder.

Unten an der Straße begrüßten uns immer wieder Frauen, die vorbeikamen, uns Erdnüsse und Bananen schenkten und sich für unsere Arbeit bedankten. Da wir um 9:00 Uhr mit dem Vermessen angefangen hatten, waren wir nach acht Stunden völlig geschafft und über und über mit einer roten Staubschicht bedeckt. Zu Fuß liefen wir die zwei Kilometer mit unseren Geräten Richtung Dorfplatz. Unterwegs kamen wir an einem kleinen, mit Flechtwerk verzierten Gebäude vorbei, das sich als Laden herausstellte, wo wir uns erstmal niederließen und ich für uns vier Flaschen Bier bestellte, die der Wirt aus einer Ecke herauskramte.

Während wir dort saßen, kamen zahlreiche Dorfbewohner vorbei, ihre Lasten auf dem Kopf balancierend, begrüßten uns, und wollten, dass wir auch Fotos machten.

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Der Dorfbrunnen

In unserem Haus zurück besorgten wir uns erstmal für jeden einen Eimer Wasser aus dem 25 Meter tiefen Brunnen. In einer Ecke des Rohbaues schütteten wir diesen Eimer nach dem Einseifen in Kauerhaltung über unsere Köpfe, das als rostbraune Brühe große Pfützen auf dem Betonboden bildete. Wir fühlten uns wie neugeboren.

Melanie hatte uns wieder mit Essen versorgt. Victor, Gaston, Jean und der Rest unserer Truppe kamen dann gegen 22:00 Uhr zu uns auf die Terrasse. Sie erzählten von der wieder total begeisterten Filmgemeinde. Michael hatte diesmal Filme über Brunnenbau, vom Empfangsfest (diesmal mit Ton) und für die Kinder einen kleinen Ausschnitt von Ice-Age gezeigt. Die vielhundertköpfige Gruppe wäre wieder völlig aus dem Häuschen gewesen, sie wären alle vom Schulprojekt begeistert. Es gäbe bereits die ersten Frauengruppen im Dorf, die Geld für ihre Berufsschule sammelten.

Unterhielt mich noch lange mit Victor, übersetzte auch immer wieder für Klaus und Michael.

Victor erzählte viel vom Leben im Dorf. Meinte ihm gegenüber, dass auch die Tradition wichtig sei, sie dürften ihre Wurzeln nicht verlieren, gerade für die Kinder wäre dies wichtig. Die Menschen im Dorf hatten ganz gut verstanden, dass mit einer Berufsschule auch die Moderne einziehe, Strom und sauberes Wasser für die Bevölkerung, das eine ginge nicht ohne das andere. Aber für vieles gibt es einfach viel zu wenig Geld von der Regierung. Victor meinte auch, wie wichtig bei einer guten Arbeit auch die Liebe zu den Menschen sei, dass alle Menschen in ihren Bedürfnissen gleich sind, unabhängig von der Hautfarbe.

Kurz bevor wir dann gegen 1:00 Uhr ins Bett gingen, erzählte Jean noch aus seiner Zeit in Deutschland, wie er einmal in einem kleinen Dorf am Bodensee bei einer Faschingsfeier den ersten Preis für die beste Verkleidung bekam.

© Text: Martin Rammensee, Bilder: Martin Rammensee, Klaus Pellmann, Harald Sterzenbach; Peter-Lenné-Schule - OSZ Agrarwirtschaft Berlin 2010


Montag, 29. März 2010

Einmessen des Schulgrundstücks in Bassossa (2. Tag),
Besichtigung einer Chefferie, Abschiedsfest im Haus des Häuptlings von Bassossa

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Victor hält die 8 m hohe Fluchtstange   Hat Klaus richtig gerechnet?

Schon früh fährt Blaise Klaus und mich zum Schulgrundstück. Es wird wieder ein sehr heißer und staubiger Tag. Mit der zunehmenden Temperatur beginnt auch der Wind immer mehr der roten Erde in die Luft zu blasen. Klaus beharrt auf weiteren Kontrollmessungen, ein Fehler darf uns nicht unterlaufen. Der Teil des Grundstücks zur Straße wird in viele Dreiecke eingeteilt, so dass später der geschwungene Straßenverlauf planerisch zu rekonstruieren ist. Ganz zum Schluss messen wir die zu Beginn der Messung gelegenen Höhenpunkte nochmals mit ein. Wieder sind wir erst am späten Nachmittag fertig.

Während der beiden Tage des Einmessens schauen wir auf eine fantastische Feldformation, etwa 300 Meter vom Schulgrundstück entfernt. Neben relativ ebenen, großen Felsplateaus, die wie weiß bemalt wirken (später stellten wir fest, dass es zerstoßene Maniok-Wurzeln sind, die so zum Trocknen ausgelegt werden), sind gewaltige, wie von Riesen übereinander geworfene, runde Vulkanfelsen aufgetürmt, die oft nur auf einer sehr kleinen Fläche aufliegen. In der Fantasie vermeine ich dahinter jederzeit Elefanten zum Vorschein kommen zu sehen.

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Felsformation gegenüber Schulgelände   Opferplatz für die Ahnen   Unten im Tal: Wohnsitz eines Notablen

Später erfahren wir, dass die ganze Gegend noch zu Emmanuels Kindheit von Affen bevölkert war, die wir allerdings nicht zu Gesicht bekamen. Später, auf dem Abschiedsfest in Duala, sollten die Mitglieder der dortigen Bassossa-Communauté diese Felsformation auf ihren farbenfroher Gewändern als Zeichnung tragen, darunter stand NK WOUN´NE PESSO.

Nach dem Ende des Vermessens schulterten wir unsere Vermessungsgeräte und liefen den Fußweg zu den Felsen hinüber. Beim Näherkommen huschten zahlreiche, wie Smaragde schimmernde, armlange Eidechsen über die Felsen. Nach einem kurzen Anstieg standen wir vor einem kleinen Hohlweg, der um den größten Felsen herumzuführen schien.

Der Vulkanfelsen vor uns war im unteren Bereich an vielen Stellen rußgeschwärzt. Jean erzählte mir, dass hier häufig den Ahnen geopfert wird. Da erst sah ich die zahlreichen Ton- und Metallgefäße, die mit schönen Zickzackmustern verziert waren. Auch oben auf dem Felsen war jede Spalte, in der sich Erde gesammelt hatte, mit Feldfrüchten bepflanzt. Nachdem wir den Felsen umrundet hatten, standen wir vor einem großen Spalt, der allerdings völlig mit Erde zugeschwemmt war. Jean erzählte weiter, dass die Bewohner von Bassossa hier in Kriegszeiten Zuflucht fanden, die Höhle unter den Felsen fasse mehr als 500 Menschen. Seltsam war für mich das Gefühl einer unerklärlichen Aura, die die Felsen umgab. Sicherlich fanden sich hier schon vor Tausenden von Jahren immer wieder Menschen ein, um an diesem herausragenden Naturdenkmal zu opfern oder hierher zu flüchten.

Außer ethnologischen Untersuchungen und dem Festhalten der Traditionen, die ja immer nur mündlich tradiert wurden, wäre sicherlich auch eine archäologische Untersuchung interessant. Will mich sowieso vor einer nächsten Reise nach Bassossa im Völkerkundemuseum in Dahlem informieren, was es bisher an Forschungsergebnissen über das Volk der Bamiléké gibt.

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Bambuswald

Wir querten ein trockenes Flussbett, in dem es aber auf Grund eines gewaltigen Bambuswalds angenehm kühl war. Sicher wäre es sinnvoll, hier einen Brunnen zu bohren und das Wasser in einem großen, geschlossenen Behälter zu sammeln. Wir stellten auch fest, dass die Halme des afrikanischen Bambus nicht hohl, sondern mit Mark gefüllt waren. Viktor sagte uns, der asiatische, hohle Bambus wachse in Afrika nicht. Nachdem wir längere Zeit durch bis zum Straßenrand unter Mischkultur stehende Felder gelaufen waren, auch vorbei an Pappa Kollas Häusern, ebenfalls mit vielen Aluminiumpyramiden als Dächern, erreichten wir den Festplatz des Dorfes. Schön waren unterwegs zahlreiche Bambuszäune, hinter denen immer wieder mal ein schwarzes Schwein grunzte. Einmal fielen uns Hühner in einem Gehege auf, die am Hals quer zur Laufrichtung ein Stöckchen angebunden hatten, damit sie nicht durch die Lücken im Bambuszaun schlüpfen können.

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Auf dem Weg zur Chefferie

Jean lud uns noch in die Chefferie seines Großvaters ein. Wir bogen in einen schmalen Weg ab. Neben uns lagen gefällte Eukalyptusbäume, aus denen mit einer Säge Bohlen und Balken herausgeschnitten waren, deren Stammdurchmesser aber bis zu einem Meter betrug. Da die Frauen die Sägespäne anzündeten, um mit der Asche die Felder zu düngen, tauchten immer wieder Bäume und Sträucher aus den Rauchschwaden auf. Darin, wie in einer uns fremden Choreographie, Arme und Köpfe der auf dem Feld arbeitenden Frauen, hin und wieder von Gesang oder Kinderlachen begleitet. Am Ende des Feldes angelangt standen wir vor einem großen Geviert von mit Pyramiden gedeckten Häusern. Durch das weit geöffnete Tor, das mit seinen dicken Stangen schon etwas windschief in den Angeln hing, betraten wir einen großen Platz, der links und rechts von den Frauenhäusern begrenzt war. An den Wänden der Häuser lehnten unzählige Äste, die dort unter dem Dachüberstand trockneten. Außer den Türen, neben denen häufig ein Stuhl oder eine Bank aus Bambusstangen stand, wiesen die Häuser nur kleine Fensteröffnungen auf, die mit einem Holzladen verschlossen werden konnten. Schon öfter war mir aufgefallen, dass auf den Fensterlaibungen mit Kreide etwas geschrieben stand. Auch hier konnte ich entziffern: „Dieu aime tous le monde, Jésus Christ est le Sauveur“ (Gott liebt alle Menschen, Jesus Christus ist der Retter).

Uns gegenüber befand sich eine hohe Wand aus luftgetrockneten Ziegeln, links und rechts mit einem Eckhaus, das jeweils eine Tür aufwies. In der Mitte der Wand befand sich, leicht vorgesetzt, ein Torhaus mit zwei hohen, spitzen Pyramiden, auf deren Spitze wie eine Wetterfahne ein Löwe prangte, das Symbol für Kraft und Macht.

Die Wände des Torhauses waren mit senkrechten, auf Querhölzern befestigten Bambusstangen verziert, die allerdings ebenfalls schon etwas windschief wirkten. In der Mitte gähnte die Türöffnung, durch die uns Jean nun hereinbat und bei deren Durchschreiten wir die Köpfe beugen mussten. Im Torraum lehnten links und rechts in den Ecken alte, schön beschnitzte Zeremonial-Trommeln, deren Bespannung noch in Ordnung war und die auf schön geschnitzten Füßen standen. Wir betraten einen zweiten Hof und erblickten ein großes, alles überragendes Gebäude, mit weiteren großen Nebengebäuden innerhalb der Mauereinfassung.

Die Wände bestanden aus senkrechten Bambusstangen. Das gewaltige, weit ausladende Dach wurde außerhalb der Gebäudewände durch dicke Holzstämme gestützt, die sowohl oben einen großen Stützstein aufwiesen, als auch unten auf einem Felsstein standen. Am meisten beeindruckten uns jedoch die Türeinfassungen.

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Tür zum Häuptlingshaus   Mann mit Grabstock   Löwenjagd

Die Türlaibungen und die Schwelle bestanden aus vier massiven Balken, der untere und der obere eine Balkenbreite länger als die senkrechten. Diese Balken waren über und über mit Motiven aus dem mythologischen Leben der Bamiléké beschnitzt. Ich vermeinte mich im Dahlemer Völkerkundemuseum zu befinden, nur erschloss sich hier erst wirklich das Majestätische dieser Kultur. Ich war schlicht und einfach überwältigt und wusste gar nicht, was ich zuerst tun sollte: Jean nach den Motiven zu fragen oder zu fotografieren… Einen Moment später ergriff mich das Entsetzen, bei dem Gedanken, dass diese Relikte einer uns ebenbürtigen Kunst in zwanzig Jahren vielleicht ganz verschwunden sein werden. Wie schon gesagt, muss mich, zurück in Berlin, unbedingt mit Mitarbeitern des Völkerkundemuseums unterhalten, welche Schutzmaßnahmen, Forschungsabkommen im Hinblick auf die reiche Kultur der Bamiléké existieren.

Aus dem über hundert Jahre alten Holz sprangen mir förmlich die Krieger, Jäger, arbeitenden Männer und unzählige Tiere entgegen. Hier trägt ein Mann einen Grabstock und eine Keule, auf der Schulter schwere Lasten, im Hintergrund große Trommeln. Auf einer großen Holztafel über dem Türstock prangt eine Jagdszene. Mehrere, mit Gewehren bewaffnete Männer kämpfen in vollem Lauf mit zwei Löwen. Ein Jäger hält schon das Bein eines Löwen fest, ein anderer liegt unter dem Löwen auf dem Boden. Das geschnitzte Wellenmuster der Löwenmähne und der Lendenschurz der Männer tauchen als Wellenlinie auf der Umrandung der Jagdszene auf. Eine weitere geschnitzte Szene zeigt einen Mann, der einen Stein auf einem Mahlstein hin- und herrollt. Er sitzt auf einem ebenfalls schön gearbeiteten Hocker, neben sich große geflochtene und getöpferte Gefäße.

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Türstock des Häuptlingshauses

Auf dem Türsturz sind links, rechts und in der Mitte über der Tür große, plastische Köpfe reliefartig aus dem Holz gearbeitet, jeweils daneben ein schreitender Krieger und ein nachdenklich sitzender Mann, wieder in der Motivreihe von zwei großen verzierten Vorratsbehältern unterbrochen. Am unteren Ende der senkrechten Balken steht jeweils ein Krieger, mit einer Wasserflasche, über der Schulter hängend, in jeder Hand zwei Speere mit Eisenspitzen, wie wir sie schon beim Wächter des Häuptlings gesehen hatten.

Jean zeigt uns im Haus seines Großvaters stolz eine alte englische Häckselmaschine mit einem Herstellungsdatum von 1902. Auf der Türschwelle grinst uns ein breites Gesicht an, links und recht von Motivschuppen, wie auf dem Lendenschurz, eingerahmt.

Im Innern des Gebäudes herrschte ein geheimnisvolles Dämmerlicht, da die Wände aus drei verschiedenen Lagen von Bambusstangen bestehen. Auf dem gestampften Lehmboden lagen früher sicherlich die in den Ecken zusammengerollt stehenden, wunderschön geflochtenen Matten.

Auch die Türstöcke der Räume im Haus sind über und über beschnitzt. Mir springt besonders eine Szene ins Auge, auf der ein Mann mit einem großen Dolch in der Hand von einem grimmig dreinschauenden Elefanten attackiert wird, der bereits den Rüssel um den Hals des Jägers geschlungen hat.

Am Häuptlingshaus vorbei kommen wir in einen zweiten Hof mit einer leicht erhöhten, großen, gemauerten Terrasse. Jean erzählt, dass dort sein Großvater Gäste empfangen hat, die auf der Terrasse Café tranken.

Jean meinte zu uns, dass diese Gebäude und Höfe nur von besonders in der Tradition stehenden Menschen betreten werden dürfen. Vieles machte allerdings einen heruntergekommenen Eindruck. Jean meinte, er habe einfach nicht das Geld, um dies alles zu unterhalten.

Klaus fiel natürlich gleich eine große, betonierte Zisterne auf (2 m x 2,50 m x 8 m), die allerdings nach oben offen war und von der Jean sagte, dass diese sein Großvater um die Jahrhundertwende hätte errichten lassen.

Durch eine weitere Tür gelangt man in den Frauenbereich mit im Hintergrund sichtbaren Gärten, den wir allerdings nicht betreten durften.

Während wir uns noch unterhielten, kam ein Mann durch die Tür, der Jean und uns begrüßte und den Jean als tollen Künstler vorstellte, von dem unsere „Affenköpfe“ und die schöne, geschnitzte Holzmaske, ein Geschenk des Dorfes an unsere Schule, hergestellt worden waren. Er nannte sich „Cactus Richard“, den Namen und seine Telefonnummer hatte er in seine Schnitzereien eingraviert. Besonders in Erinnerung blieben mir im Hof mit der Terrasse zwei große Ziertabakpflanzen, die in voller Blüte standen und deren Schattenbilder sich auf der hell verputzten Wand abbildeten. Über die von den Deutschen gebaute Straße liefen wir zurück zu Emmanuels Haus.

Gegen Abend holte uns Blaise mit dem Auto ab und fuhr uns zur Chefferie des Häuptlings von Bassossa. Auf dem Hof hatten sich schon viele Dorfbewohner eingefunden, aus allen Türen schauten neugierig die Kinder des Häuptlings. Zuerst gab es ein langes Palaver, wir hatten uns bis auf den ständigen Durst ja an die zeitlichen Abläufe gewöhnt.

Bevor es nun ganz Nacht wurde, mussten wir uns zu einem Gruppenbild vor einem der Frauenhäuser aufstellen, dessen Lehmwände über und über mit weißen Handabdrücken verziert waren. Um uns drängten sich wieder viele Frauen und Kinder, die mit aufs Bild wollten. Irgendwann bat uns einer der Diener des Häuptlings ins Haus. Dort wurden wir in das Wohnzimmer des Häuptlings geleitet, wo auf einem etwas erhöhten Bodenteil eine schwere, uns altmodisch erscheinende Couchgarnitur mit blauem Rautenmuster stand. An der Wand dahinter ein Gemälde mit bedrohlichem Himmel und einem steilen Vulkankegel in der Bildmitte. In der Ecke stand eine etwa ein Meter hohe Kriegerfigur aus Ebenholz. In der Mitte des Raumes befand sich ein perlenbesticktes Tischchen mit einer ebenso verzierten Vase, ähnlich dem Thron im Völkerkundemuseum, das vom Sultan von Foumban seinerzeit als Geschenk für den deutschen Kaiser nach Berlin gelangte.

Wir dürfen uns auf Stühlen, die entlang der Wand aufgestellt sind, niederlassen. Als Seine Majestät Tchinda III. angekündigt wird, müssen wir alle aufstehen.

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Das Empfangskomitee, vor allem Kinder   Aufnahmezeremonie mit dem Häuptling   Die Frauen von Bassossa vor der Chefferie

Schnell füllt sich der Raum mit Männern. Nacheinander werden wir gebeten, in der Reihenfolge unseres Alters vorzutreten und uns auf einem Hocker niederzulassen. Dort kleiden uns nun zwei Männer des Häuptlings mit einem schönen, blau-gelben Überwurf ein. Über den Kopf bekommen wir eine weiße, gehäkelte Mütze gezogen, von der links und rechts lange Bänder mit einer roten Spitze hängen. Harald muss noch öfters über mich lachen, sähe ich doch aus wie „der Monarch von Konstantinopel“. Der Häuptling und die Gemeinde von Bassossa waren auf die Idee gekommen, uns zu integrieren, indem sie uns zu Notabeln des Stammes machten. Mit der Einkleidung ging auch eine Namensverleihung einher. So wurde Harald Sterzenbach zu „Waffo Sangoun“ (der mit seiner Weisheit für den Frieden im Dorf sorgt), ich bekam den Namen „So Sangoun“ (der hart arbeitet), Klaus Pellmann den Namen „Bügoun“ (der Baumeister, der die schwere Dachkonstruktion beim Bau eines neuen Hauses, darunter stehend, zum Aufsetzen auf die Mauern dirigiert) und Michael Schäfer „Sadeú“ (der Helfer/Diener).

Danach mussten wir uns mit dem Häuptling und den anderen Männern wieder zum Fotografieren aufstellen. Weiter ging es in den großen Festsaal der Chefferie, wo wir der Dorfbevölkerung unter deren Beifall nochmals vom Häuptling vorgestellt wurden. Alle wollten danach unsere Hände schütteln und mit uns auf ein Foto. „Cactus Richard“ überreichte uns eine schöne, geschnitzte Holzmaske für unsere Schule. Viele Frauen gaben uns Erdnüsse und Bohnen zum Geschenk, die wir allerdings schon aus Gewichtsgründen, aber auch wegen des strengen französischen Zolls, nicht nach Berlin mitnehmen konnten. Auch hier im Raum fiel mir sofort der schöne Häuptlingsthron auf, mit gedrungenen Geparden als Armlehnen, gedrehten Füßen und reich beschnitzter Sitzfläche und Rückenlehne, deren Motive wir wegen des dämmrigen Lichts aber nicht erkennen konnten. Besonders schön auch eine große Ebenholzgruppe: Auf einem Hocker, mit einem Antilopenkopf als Bein, steht eine Figur, ihre Arme von einem hinter ihr stehenden großen Mann nach oben gehalten. Diese hinten stehende Figur mit auffallend großem Mund trägt ebenfalls eine gehäkelte Mütze, so, wie wir eine erhalten haben.

Dienstag, 30. März 2010

Auf dem Gare Routière in Bafoussam. Halsbrecherische Fahrt von Bafoussam nach Jaunde im Minibus, Reflexionen über das Reisen.

Am Morgen waren wir schon früh auf den Beinen. Meine Nase war ziemlich zu und ich musste schon nachts ständig husten. Bin froh, dass das Einmessen, verbunden mit dem vielen roten Staub, nun vorüber ist. Neben mir packt Harald unsere Aluminiumkiste, die ja für weitere Arbeitseinsätze in Bassossa bleiben soll, zusammen mit unseren fünf Klappliegen im Haus von Emmanuel. Er verteilt verschiedene Werkzeuge an Aimé und unsere Helfer als ein kleines Dankeschön für ihre Unterstützung. Melanie, die Schwester von Emmanuel, bekommt ebenfalls einige von uns nicht mehr benötigte Dinge zum Geschenk, für den Häuptling haben wir ein solarbetriebenes Radio, der Rektor der Schule erhält die Fußballpumpe und einige mitgebrachte Hefte nebst Schreibutensilien.

Sitze jetzt gegen Mittag zusammen mit Klaus im Gare Routière von Bafoussam. Auf der Fahrt hierher hatte uns Emmanuel noch das von ihm geplante, mehrstöckige Haus eines Tischlers gezeigt. In einer Wolke von Holzstaub, fast alle Fotos sind wegen des dichten Staubs nichts geworden, standen große italienische Kreissägen, Abrichten, Dickenhobel etc. Der Chef des Hauses erzählte uns, dass er viele Schüler aus dem Technischen Lycée hier beschäftigt, damit sie ihre Theorie in der Praxis erproben können, gibt es doch in den schulischen Ausbildungen in Kamerun keinerlei fachpraktischen Anteile. Und so waren auch mindestens 10 bis 15 junge Männer am Arbeiten. Die Möbelprodukte konnten sich durchaus sehen lassen. Malerisch wirkten auch die zahlreichen Schablonen für Schränke, Betten und Stühle, die reichlich verstaubt überall an den Wänden hingen. Einer der Mitarbeiter zeigte uns später die große Wohnung des Chefs, in der überall schöne Intarsien als Wandverkleidungen und Bodenbeläge auffielen. Wir sahen auch hier in manchen Ecken kleine Holzfiguren in Puppengröße, die teilweise mit Nägeln durchbohrt waren – Eisen ein Symbol für Macht.

Was später zum Streit führte, war die lange Wartezeit für Harald und Michael, die sich keinen Reim darauf machen konnten, dass Emmanuel sie erst viele Stunden später als vereinbart abholte. Ursprünglich waren wir davon ausgegangen, schon vormittags mit einem Minibus nach Jaunde (frz. Yaoundé, Kameruns Hauptstadt) zu fahren. So wurde eine Nachtfahrt daraus, was uns wieder eine heftige Diskussion bescherte über unsere Afrikatauglichkeit, bzw. die total unterschiedlichen Zeitbegriffe und Zeitvorstellungen. Ich regte mich zu diesem Zeitpunkt noch wenig darüber auf, fiel auf dem Busbahnhof in Bafoussam einfach in einen Zustand der Zeitstarre, d. h. Stunde um Stunde zieht an mir vorüber. Dabei verschwimmt der Blick auf die Innen- und Außenwelt ineinander, und die Traumebene vermischt sich mit den Rufen der Essensverkäufer, dem Stimmengewirr an den Fahrkartenschaltern und dem Plärren eines vollständig übersteuerten Fernsehlautsprechers an der Wand des Fahrkartenverkaufsbüros, mit seinen englisch untertitelten Reiseberichten aus Israel, Japan und China, was hier in dieser uns fremden Umgebung noch befremdlicher wirkt.

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Fliegende Händlerinnen   Ein Bus wird beladen   Noch sind wir nur wenige Passagiere

Sitze jetzt mit Klaus schon mehr als drei Stunden auf den hölzernen Bänken der Wartehalle; um uns, hoch aufgetürmt, unsere zahlreichen Taschen und Koffer. Vorhin saßen zwei Jungs hinter mir. Habe ihnen die Tüte zerbrochener, roher Eier aus meinem triefenden Rucksack geschenkt, die uns als vermeintlich gekocht von einer Frau aus Bassossa mitgegeben wurden, und mit denen die Jungs überglücklich davonliefen. Um uns unzählige Menschen, vor mir ein über uns Weiße staunendes Kind mit toll geflochtenen, perlenverzierten, kleinen Zöpfen. Vor der Aufenthaltshalle ein Hin und Her kleiner und großer Busse. Dazwischen wogte eine fast unüberschaubare Menschenmenge, die sich, um die Busse zusammenballend, dann wieder auseinanderfließend, ein sich ständig änderndes afrikanisches Muster bildete. Wie die schäumenden Spitzen großer Wellen hoben und schoben unzählige Arme ein Konglomerat aus bunten Säcken, zusammengeschnürten Taschen, zerkratzten Koffern, Tischen mit und ohne Beinen, schön verzierten Haustüren, gelben Bananenstauden, Fahrrädern, in geflochtenen Bastkörben steckenden Hühnern oder Schweinen, chinesischen Motorrädern, Bündeln von Brennholz, Ziegen oder Schafen auf die Dächer der kleinen und großen Fahrzeuge, wo sie zu aberwitzigen, kreuz und quer verknoteten Kunstwerken erstarrten.

Unsere Abreise sollte allerdings noch lange nicht erfolgen. Irgendwann drangen die Stimmen von Blaise, Michael und Harald bis in die Tiefe meines Schlafs vor: „Los, auf, der Bus nach Jaunde ist da.“ Mit der Hoffnung, dass es jetzt los geht, stürmten wir Richtung Bus, Blaise sollte sich um unser Gepäck kümmern. Schon wieder waren wir in unser europäisches Bewegungsmuster zurückgefallen, was hier vollständig fehl am Platz war. Zuerst galt es einmal, die wild unter den Sitzen herumrennenden Hühner einer angekommenen Frau einzufangen. Wir besetzen sofort mehrere Sitzbänke, da außer uns fünf auch eine Schwester von Emmanuel und Blaise mit nach Jaunde kommen sollte. Mir war unerklärlich, wie die Arbeiter des Gare Routière bei der Menge des Gepäcks wissen, was auf welchen Bus gehört. Als spiegelte sich unsere lange Wartezeit auf den Holzbänken der Busstation in den verstaubten Schiebefenstern des Busses, erstarrte auch im Bus die Zeit. Wir wussten einfach nichts über unsere bevorstehende Busfahrt. In irgendeinem Reiseführer stand, dass es Minibusse mit 14 – 18 Plätzen gibt, oder den Saviem mit 27 Plätzen. Was wir nicht wussten, war, dass alle Fahrzeuge immer mehr Plätze als Sitze haben und in der Regel hoffnungslos überbesetzt werden. Gute Plätze kosten etwas mehr, man kann auch für mehrere Plätze bezahlen, hat aber keine Gewissheit, ob das auch funktioniert. Es kann viele Stunden dauern und Nerven kosten, bis auch der letzte Passagier auf seinem Platz sitzt.

Das Schauspiel konnte beginnen.

In den ersten Stunden begann sich der Bus so nach und nach zu füllen, jeder neue Mitfahrer löste ein Hallo aus, „ich bleibe da sitzen, die schöne Frau nach hinten, ich muss wieder nach draußen, habe dies und jenes vergessen…“ etc. All diese Äußerungen wurden mal von mehr, dann wieder von weniger der Mitfahrer kommentiert, mit Witzen garniert, mit Fragen nach der Herkunft, des Reiseziels, wie viele Kinder, manchmal fing jemand an zu singen oder zu schimpfen, die Geräuschkulisse schwoll an und ebbte wieder ab, wir waren in einem wogenden Menschenfeld gestrandet.

Als wir dachten, der Bus wäre nun total gefüllt, kam der Busfahrer und erklärte, dass zwischen die dicht sitzenden Menschen noch weitere Passagiere passen. Nach großem Hin und Her entschloss sich ein junger Mann vor uns, für seine Frau, die auf einem Klappsitz neben Harald saß, zwei Fahrscheine zu bezahlen. So konnten Klaus, Harald und ich, mit der Frau auf dem im Durchgang befindlichen Klappsitz, nur zu viert in einer Reihe sitzen.

Hin und wieder stieg auch ein Wunderheiler zwischen die Passagiere, der seine Gesundheitswässerchen, ganz sicher wirkenden Tabletten und Pastillen, Pflaster und Tinkturen lauthals anbot und so tat, als wären wir ohne seine Hilfe dem sicheren Tod geweiht.

Nach weiteren Stunden, wir hatten den Gedanken schon aufgegeben, irgendwann einmal nach Jaunde zu gelangen, waren die acht Sitzreihen mit über 40 Passagieren gefüllt und die halsbrecherische Fahrt durch die afrikanische Nacht konnte beginnen.

Am sternenklaren Himmel stand groß der weiße Mond und beschien mit seinem Licht den nächtlichen Traum eines noch unberührten tropischen Waldes. Wie ein breites schwarzes Band zog sich in vielen Kurven die gut ausgebaute Straße durch das Land. In jeder Kurve fiel mir mein lange zurückliegender Physikunterricht ein, und ich begann im Kopf die Kräfte zu berechnen, die bei einer nach oben wandernden Schwerpunktverlagerung des Busses beim quietschenden und nach Gummi stinkenden Durchfahren der Kurven entstehen, da über uns ja beinahe zwei Meter hoch ein gewaltiger Gepäckberg in die Nacht ragte. Einige Male musste der Bus an einer Mautstelle anhalten, bezahlen, damit die gespickten Nageleisen an einer Kette zur Seite gezogen werden, ein anderes Mal hielten wir kurz an einer Polizeikontrolle. Sobald wir zum Halten kamen, tauchten wie aus dem Nichts zahlreiche Händler mit Bananen, Maniok, Fisch, Fleisch, Brochettes, Möhren, Wasser und Brot auf, die sie uns vor die Fenster hielten. Gegen Mitternacht erreichten wir dann die beleuchteten Straßen von Jaunde, sahen oben am Berg den angestrahlten Regierungssitz des Präsidenten vorüberziehen, am Straßenrand unzählige Menschen vor den erleuchteten Lokalen sitzen und hörten durch die aufgeschobenen Busfenster den Atem der Stadt. Kurz darauf fuhren wir in den Busbahnhof ein. Nach dem Abladen des Gepäcks und dem Verstauen im Bus fuhr uns der Busfahrer direkt vor unser Hotel „Le Fibi, situé a Emombo“. Schon vorher hatte uns Blaise zu verstehen gegeben, wir müssten noch vor dem Hotel unsere vom Häuptling verliehene Kleidung anlegen.

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Empfang um Mitternacht   Blaises Frau hat für uns gekocht

Kaum waren wir aus dem Bus gestiegen, begannen zahlreiche vor dem Hotel befindliche, bunt gekleidete Frauen und Männer zu trommeln und zu singen und in einen uns einschließenden Tanz zu fallen. Die Mitglieder der Bassossa-Communauté in Jaunde hatten schon seit dem Mittag vor dem Hotel auf uns gewartet. Drinnen im Hotel hatte die Frau von Blaise für uns Reis, Fisch und Kochbananen zubereitet. Danach saßen wir noch bis um 1:30 Uhr bei einem Estrel-Bier zusammen und sanken total müde ins Bett, froh, dass es hier in Jaunde auf Grund seiner höheren Lage nachts etwas kühler wurde.

Beim Einschlafen ging mir nochmals durch den Kopf, ob in Afrika aufgrund der sehr unterschiedlichen Wahrnehmung, vor allem ausgehend von unserem eurozentrischen Denken, gemeinsame Projekte überhaupt möglich sind. Dass viele gut gemeinte Ansätze an der fehlenden gemeinsamen Sprache scheitern, dass ehrlich gemeinte Kritik überhaupt nicht verstanden wird, dass es keine Mediatoren zwischen den Kulturen gibt.

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Blick aus dem Hotelfenster

Fühle mich fasziniert vom Reiz des nicht nur historisch weit Entfernten und vom sich Bewegen in einem „third space“, wo das Andere, das Fremde, das uns manchmal auch Unheimliche zu einer Auseinandersetzung mit dem geographisch Anderen wird statt zu einer Hinwendung zum verdrängten Anderen des Eigenen. So sind wir zwar Reisende, verlassen aber, ähnlich wie Xavier de Maistre in seiner „Voyage autour de ma chambre“, nicht wirklich das Reich unserer Imagination.

© Text: Martin Rammensee, Bilder: Martin Rammensee, Klaus Pellmann, Harald Sterzenbach; Peter-Lenné-Schule - OSZ Agrarwirtschaft Berlin 2010


Mittwoch, 31. März 2010

Termin in der deutschen Botschaft in Jaunde.

Nach dem Frühstück im Hotel fuhr uns Blaise, vorbei an einer von Chinesen in kürzester Zeit hochgezogenen, futuristischen Sportarena, neben der Straße sauber gemähte Rasenflächen, unterbrochen von Ständen mit unzähligen Stauden in kleinen Plastiktöpfen, die zum Verkauf standen, in die Nouvelle Route Bastos, wo wir um 10 Uhr einen Termin in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland hatten. Das ganze zweistöckige Botschaftsgebäude war von einer hohen weißen Mauer umgeben.

Nachdem wir am Eingang unsere Pässe zur Prüfung abgegeben hatten, wurden wir nach drinnen gebeten.

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In der deutschen Botschaft in Jaunde mit Herrn Daraspe, Frau Abbing und Herrn Wurthmann

Mit dem Schließen der Tür tauchten wir in eine europäische Welt ein und waren von einer glitzernden und funktionalen Repräsentationskultur umgeben. An einer weiteren „Kontrollbox" vorbei wurden wir von einer Mitarbeiterin des Hauses in den ersten Stock hinaufgeführt. Durch eine Tür hindurch betraten wir einen großen Raum, der von einem Konferenztisch mit 12 Stühlen dominiert wurde. In der Tiefe des Raumes standen weiter hinten noch Schreibtische. Wir wurden gleich mit den Worten empfangen: „Wir wussten gar nicht, dass sie eine so große Gruppe sind...".

Nachdem wir Platz genommen hatten, stellte uns Geerd Wurthmann, Entwicklungsberater und quasi Bürochef, die Botschafterin war leider schon in den Osterurlaub abgereist, vor: Frau Abbing, die Sekretärin der Botschafterin, Dr. Ebel, zuständig für die Bereiche Gesundheit, Dezentralisierung und Ressourcenschutz und Gérard Daraspe, Direktor der KfW-Bankengruppe in Kamerun. Schon als wir den Raum betraten, kam Gérard auf mich zu und sagte „Martin, was machst du denn hier in Kamerun, ich hatte die Namen auf der Anfrage nach einem Botschaftstreffen gar nicht alle gelesen ". Ich konterte, „Das kann ich Dich genauso fragen, warst Du doch als DED-Entwicklungsdirektor viele Jahre in Mali unterwegs und nicht in Kamerun". Gérard, der Franzose war, kannte ich noch aus den Zeiten, als seine und meine Töchter gemeinsam in die französische Grundschule in Berlin gingen. Auch hatte mir seine Frau vor Jahren bei einer von mir organisierten Ausstellung im Kulturhaus Spandau geholfen, deren nicht unerhebliche Einnahmen aus einer Verkaufsausstellung von Kunstgegenständen aus Mali dem Aufbau einer Gesundheitsstation und einer Schneiderei im größten Frauengefängnis von Bamako dienten.

Donnerstag, 1. April 2010

Empfang bei der Bassossa-Communauté in Jaunde.

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Empfang durch die Bassossa-
Communauté
Trommelgruppe Der Häuptling stellt das Projekt vor

Wir fuhren zusammen zum „Vereinsgebäude" der Bassossa-Communauté in Jaunde. Schnell zogen wir unsere vom Häuptling verliehenen Gewänder über und setzten unsere Mützen auf. Vor dem Gebäude sangen, tanzten und trommelten weit über fünfzig Frauen und Männer in ihren Stammestrachten. Nachdem wir alle begrüßt worden waren und einige Takte mittanzten betraten wir das Gebäude. An der Stirnseite standen eine lange Reihe von Stühlen und in der Mitte davor ein Tisch, hinter den sich auch der Häuptling mit seinen Würdenträgern setzte. Hinter uns an der Wand wurden die von Emmanuel gezeichneten Pläne aufgehängt. Emmanuel, neben dem Häuptling, anderen Würdenträgern und Harald, hielt eine längere Rede. Die Frauen signalisierten durch Zwischenrufe oder kurze Reden ihre Zustimmung. Nachdem sie vor Begeisterung immer wieder mehrstimmige Lieder anstimmten, fiel mir eine ältere Frau vor allem durch ihre poetischen Sprachbilder auf. An Emmanuel gewandt meinte sie: „Unser Sohn ging in die Welt hinaus und bringt jetzt die Welt zu uns zurück."  Nach einem weiteren, gemeinsam zum Rhythmus der Trommeln gesungenen Lied stand die ältere Frau nochmals auf und meinte an uns gerichtet: „Ich habe viele Kinder. Wenn man schwanger wird, muss man weitermachen, man kann nicht nur halb schwanger sein oder mittendrin aufhören. Genauso ist es auch mit dem Schulprojekt in unserem Dorf."

Auch hier erhielt jeder von uns ein Geschenk mit auf den Weg. Nacheinander musste jeder von uns vortreten und mit beiden Händen einen uns entgegen gestreckten kleinen Affenkopf nehmen, der vom Künstler Cactus Richard aus Bassossa aus einer Palmnuss geschnitzt worden war und die Affen, die einstmals auf dem jetzigen neuen Schulgrundstück in den Bäumen gelebt hatten, darstellte.

Später begleitete uns der Häuptling mit mehreren Männern aus seinem Stamm zurück ins Hotel Fibi, wo wir wieder Essen mit Bier aufgetischt bekamen.

Freitag, 2. April 2010

Fahrt mit einem großen klimatisierten Mercedesbus nach Duala.

Nach dem Frühstück im Hotel fuhren wir mit drei Autos und unserem gesamten Gepäck zur Busstation „Citystar" der großen Überlandbusse. Schon das Warten auf den Bus gestaltete sich in klimatisierten Räumen mit Gratiscafé und Tee als sehr angenehm. Auch die großen Mercedesbusse entsprachen in ihrer Ausstattung eher dem Inneren einer Air-France-Maschine. So wurden wir später aus den gleichen Aluminium-Containern mit Essen und Getränken versorgt, wobei auch hier alles im Preis inbegriffen war.

Nach einer kurzen Wartezeit verließen wir Jaunde Richtung Duala. Immer entlang der Eisenbahnlinie, die nach Süden führte, ging es erstmal endlos an kleinen Handwerksbetrieben, Gärtnereien, Restaurants und unzähligen Baustellen vorüber. Oft waren die handgefertigten Bausteine zu gewaltigen Bergen aufgetürmt. Zum Schütten der Betondecken wanderten, wie auf einem Endlosband, Eimer über unzählige Hände mehrere Stockwerke nach oben, wo sie ausgeschüttet wurden und wieder nach unten zurückkehrten.

Häufig sah man im Hintergrund auch, wie auf den Hügeln ausgeschüttet und die Hänge hinabfließend, ein Konglomerat aus Brettern, Wellblechteilen, Plastikfolien und Palmwedeln, die, wie das Schutt-Arrangement eines irren Radladerfahrers aneinander, übereinander und ineinander geschoben, große Wohngebiete der Armen bildeten.

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Letzter Tag im Hotel

Bald hatten wir das Stadtgebiet verlassen und fuhren Stunde und Stunde immer weiter in die Ebene hinunter Richtung Duala. Links und rechts flankierten uns Reste des ursprünglichen Regenwaldes. Hin und wieder war einer der gewaltigen Urwaldriesen stehen geblieben, doch meist hatte sich nach dem Roden eine niedere Sekundärvegetation ausgebreitet. Häufig jedoch schwelten noch die Feuer der Brandrodungen. Wie eine schwärende Wunde trat an vielen Stellen der weiße, unfruchtbare Boden zutage. Da, wo Ölpalmen angepflanzt worden waren, wurde in alten Ölfässern das Palmöl ausgekocht. Durch dieses rauchende Inferno lief in einer Karfreitagsprozession, inmitten vieler weiß gekleideter Frauen, ein Mann mit einem schweren Holzkreuz auf den Schultern den Straßenrand entlang.

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Abgeholzter Urwald mit Sekundärvegetation Brücke aus der deutschen Kolonialzeit Der Sanaga-Fluss

Wir überquerten den Sanaga-Fluss, neben uns eine alte, noch von den Deutschen erbaute Eisenbahnbrücke. Auf dem Busbahnhof von Duala angekommen, wurden wir vom uns ja schon bekannten Herrn Philippe Sokoutsing, dem Chef der Communauté Bassossia de Duala, abgeholt und mit zwei Autos zu unserem Hotel Le Chateau gebracht.

Samstag, 3. April 2010

Abschiedsfeier mit der Bassossia-Communauté von Duala.

Liege jetzt schwitzend auf dem Bett. Da Duala fast auf Meereshöhe liegt, sind die Hitze und die Luftfeuchtigkeit mörderisch. Im Baum gegenüber lärmen die Webervögel um ihre kunstvoll gebauten Nester. Auch hier werde ich nachts wieder auf Kakerlakenjagd gehen.

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Symbol der Communauté in Duala Alle wollen in den Festsaal Die Frauen tragen das Essen auf

Am späten Nachmittag fährt uns Blaise zum Festsaal der in Duala über 10 000 Mitglieder umfassenden Bassossia-Communauté. Es hatte so lange gedauert, da sich die Mitglieder nicht darüber einig wurden, wer zur Feier zugelassen wird, da ja nur 200 – 300 Personen in den Festsaal passen. Nachdem wir unser Stammesgewand angezogen hatten, empfing uns eine große Menschenmenge festlich mit Tanz und Musik. Nach unserer Filmvorführung, den Reden der Notabeln und Emmanuels gab es ein äußerst leckeres Essen, dazu die obligatorische Flasche Bier. Draußen auf der Straße mussten wir später noch mittrommeln und ausgelassen mit der Gemeinde tanzen.

Sonntag, 4. April 2010

Warten im Hotel. Abflug aus Duala.

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Blick auf die unzähligen Motorräder Rollmuster Nach dem Ostergottesdienst

Zum Mittagessen lädt uns Herr Soh Moumbé zum Essen in ein Restaurant, nicht weit von unserem Hotel entfernt, ein. Vom luftigen ersten Stock aus schauen wir auf den nicht endenden Strom der meist von ganzen Familien besetzten Motorräder, in einem Gebäude neben uns ging ein Ostergottesdienst zu Ende, viele junge Menschen in weißen Kleidern kommen die Straße entlang.

Später, es war bereits dunkel geworden, ging es dann zum Flughafen. Problemlos konnten wir nach einer kurzen Kontrolle das Flughafengebäude betreten.

Nach einer Kontrolle standen wir plötzlich in einer anderen Welt: dem Air-France-Bereich. Treppauf und treppab ging es wieder über löchrige Stufen zum Flugzeug. Bevor wir losflogen sprühte das Bordpersonal noch Insektizide in die Lüftungsschlitze der Klimaanlagen, was mich gleich noch mehr zu husten brachte.

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Rückkehr

Irgendwann, viel, viel später, das Aufheulen der Turbinen im Ohr, wenn wir durch Turbulenzen flogen, vermeinte ich im Halbschlaf Trommeln zu hören und weit entfernten Gesang. Fast schon wieder wie ein Traum sah ich die Kindergesichter vor mir, hörte das Lärmen der Vögel in den Bäumen, roch noch einmal den Staub der roten Erde.

Afrika, Kamerun, Bassossa – wann werden wir zurückkehren?

© Text: Martin Rammensee, Bilder: Martin Rammensee, Klaus Pellmann, Harald Sterzenbach; Peter-Lenné-Schule - OSZ Agrarwirtschaft Berlin 2010